Sonntag, 9. Juli 2017

Frank Koops ist stark an meine Person gekoppelt

Interview zu den Besonderheiten des Harten Brocken


Es war ein Erfolg, mit dem niemand gerechnet hat. Die Mini-Serie um den verschrobenen Provinzkommissar Frank koops und seinen Freund, den Postboten Heiner, geht in die dritte Auflage. Kurz vor Ende der Dreharbeiten  sprach mit dem Hauptdarstellern Stadelmann und Führmann über die Freude, im Harz arbeiten zu dürfen.

Herr Stadelmann, Herr Führmann, sie drehen nun mehr als drei Wochen am Stück. Wie sehr liegen da die Nerven blank? 

Stadelmann: Es geht. Nervlich ist noch alles in Ordnung.
Führmann: Was nervt sind die die Wetterkapriolen. Erst hatten wir sehr viel Sonne, dann viel Starkregen. Das macht die Arbeit so schwierig, weil die Anschlüsse dann nicht mehr passen. In einer Szene haben wir strahlenden Sonnenschein und im nächsten Moment schüttet es aus allen Kübeln.

Herr Stadelmann, sie sind zum dritten Mal im Harz. Haben Sie sich schon an das Wetter gewöhnt?

Stadelmann: Nein, nicht wirklich, aber einen Monat lang hält man das aus.
Führmann: Dieses Jahr haben wir es doch ganz gut getroffen. Letztes Jahr hatten wir sogar Schnee.

Der Kommissar und der Postbote wissen,
dass man im Harz imm dicke Jacken
tragen
Als Sie 2014 das erste Mal hier gedreht haben, haben Sie da mit solch einem Erfolg gerechnet?

Stadelmann: Nein, damit habe ich nicht gerechnet und die anderen auch nicht. Deshalb freue ich mich und deshalb freuen wir uns alle.

Wie weit können Sie Einfluss nehmen auf die Gestalt des Kommissar Koops?

Stadelmann: Die Figur ist mittlerweile an mich gekoppelt und von mir beeinflusst. Der Drehbuchautor schreibt die Rolle so, wie ich sie spiele. Sie ist mir fast auf den Leib geschrieben.
Führmann: Das stimmt. Die Sprüche, die Koops macht, die könnten auch von Aljoscha stammen. Ach, und dann sind da noch die berühmten Ein-Wort-Sätze wie „Passt“ und „Läuft“.

Was unterscheidet Kommissar Koops von den anderen Fernsehkommissaren?

Stadelmann: Er lebt einen eigenen Rhythmus, den Rhythmus, den die Menschen im Dorf eben leben. Äußerlich ist er langsam, aber im Kopf verdammt schnell. Und er hat einen besonderen Humor, der nicht aus der Schenkelklopfer-Ecke kommt, sondern durch das Leben geformt wurde.
Führmann: Ja, der Humor kommt aus der Figur heraus. Es sind überhaupt Figuren, die es im richtigen Leben durchaus geben könnte. Die reden nicht viel, die machen eher. Überhaupt würden Heiner und Frank im richtigen Leben wohl noch weniger miteinander reden, weil sie eine tiefe Freundschaft verbindet.

Sie stehen ja auch viel auf Theaterbühnen. Sind Film und Theater eine Ergänzung oder ein Gegensatz?

Stadelmann: Es sind zwei Welten, die sich aber ergänzen. Das hat sich gewandelt, weil das Theater nicht mehr Literatur macht und die Darsteller nicht mehr so überdeutlich sprechen müssen. Das Theater hat sich dem Film angenähert.

Ihr Einsatz ist bald vorbei. Werden Sie den Harz vermissen?

Führmann: Ich habe mich erst einmal gefreut, wieder hier sein zu dürfen. Im Harz werden wir mit offenen Armen empfangen. Hier ist niemand genervt von den Dreharbeiten. Auch das Arbeiten ist herrlich. Ich fahre jeden Morgen die 12 Kilometer von Braunlage hier rüber mit dem Fahrrad durch den Wald. Das genieße ich, denn anders wo gibt es das nicht.
Stadelmann: Es wäre schon geil, wenn wir noch mal hierher kommen dürften.

Letzte Frage: Wissen Sie, wann der zweite Teil im Fernsehen zu sehen sein?

Führmann: Er lief gerade erst mit großen Erfolg auf dem Festival des neuen deutschen Fernsehfilms in München.
Stadelmann: Am 25. Dezember.
Führmann: Was, am ersten Weihnachtsfeiertag?
Stadelmann: Ja, am ersten Weihnachtsfeiertag.

Ich danke Ihnen für das Gespräch. 


Donnerstag, 25. Mai 2017

Ich kenne den Harz und ich mag ihn

Star-Trompeter David Staff über sein Konzert in Scharzfeld und über Gewissheiten

Seit Jahren ist der englische Trompeter David Staff Mitglied im Festspielorchester Göttingen. Im Rahmen der Händel Festspiele spielt er am 23. Mai mit Ryoko Morooka in der St. Thomas-Kirche in Scharzfeld. Im Interview spricht er über seine Zuneigung zu Pilzen aus dem Harz und zum Instrumentenbauen.

Mr Staff, Sie gelten als vielseitiger Mensch. Aber was sind Sie zuerst? Trompeter, Trompetenlehrer oder Trompetenbauer?

Das ist eine wichtige Frage. Momentan verbringe ich sehr viel Zeit auf der Bühne. Ich habe aber vor 10 Jahren angefangen, Trompeten zu bauen und das gefällt mir immer mehr. Also habe ich den Trompetenunterricht eingestellt.

Wie ist die Beziehung zwischen dem Trompeter David Staff und dem Trompetenbauer Staff?

Als ich anfing, Trompeten selbst herzustellen, war dies ein kompletter Wechsel der Perspektive. Ich habe die technischen Bedingungen kennengelernt. Mittlerweile habe ich es ausbalanciert und werde immer besser und besser. So kann ich das beste Instrument für mich bauen. Erstaunlicherweise bin ich einer der wenigen Trompeter, die ihr Instrument selbst bauen, obwohl dies in England früher durchaus üblich war.

Was unterscheidet eine Staff-Trompete von anderen Trompeten?

Das gute Stück hat er selbst gebaut.
Foto: tok
Weil ich zuerst Musiker bin, ,weiß ich, welche Anforderungen ein Instrument erfüllen. So sind die beide Tätigkeiten mehr oder weniger zu einer geworden. Ich sehe mich als Teil einer langen Tradition und ich verzichte weitestgehend auf moderne Technik. Mein Bestreben ist es, Instrumente entsprechend ihrer Zeit zu bauen, als Barocktrompeten mit der Technik des Barocks. Aber das geht nicht immer.

Wurden alle Trompeten, die Sie spielen, auch von ihnen hergestellt?

Nein, aber ich bemühe mich, authentische, zeitgenössische Instrumente zur Entstehungszeit der Komposition zu spielen.

Das Motto der diesjährigen Festspiele lautet „Glauben und Zweifel“. Mr. Staff, wo sind ihre Gewissheiten?

Zu meinen Gewissheiten gehört die Musik. Aber die andere Gewissheit ist, dass man etwas tun muss für die Gemeinschaft. Seitdem ich vor 2 Jahren eine schwere Krebserkrankung überwunden habe, engagiere ich mich für die Krebsforschung. Erst im April war ich auf einem sechstägigen Wohltätigkeitslauf. Wir sind jeden Tag die Marathonstrecke gewandert, um Geld zu sammeln. Es war anstrengend, aber ein Erfolg.
Ein Gewissheit ist auch, dass der Brexit ein Fehler ist. Großbritannien gehört zu Europa.

Am 23. Mai spielen Sie als weitgereister Musiker in Scharzfeld in einem kleinen Dorf in einer kleiner Kirche. Mögen Sie solche Auftrittsorte?

Doch, sehr, auch wenn sie von der Akustik her eine große Herausforderung sind. Eine Trompete braucht Platz, um sich zu entfalten. Den gibt es in solchen Kirchen selten.
Wir haben schon dreimal im Harz gespielt, in Hahnenklee in der Stabkirche. Die ist mit ihrem vielen Holz besonders schwer zu bespielen.

Sie kennen also den Harz?

Ja, ich kenne ihn und ich mag ihn. Im letzten Jahr hatten wir eine kleine Harz-Tournee mit drei Auftritten. Zwischendurch sind wir viel gewandert und ich habe Pilze gesammelt. Ich liebe Pilze, insbesondere Steinpilze und Pfifferlinge.

Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Frau Morooka gekommen?

Ich habe Ryoko auf einer Japan-Tournee kennengelernt. Sie hat damals als Dolmetscherin gearbeitet. Das ist fast 40 Jahre her. Später haben wir uns dann als Musiker wiedergetroffen und beschlossen, gemeinsame Programme zu erarbeiten. Die Arbeit mit ihr ist so kreativ, weil wir auf einer gemeinsamem Basis unterschiedliche Vorstellungen haben. So meint Ryoko, dass meine Ideen manchmal zu verrückt seien. Aber mittlerweile haben wir viel Spaß bei der Arbeit.

Mr. Staff, ist es ein Vergnügen oder eine Herausforderung, Mitglied des Festspielorchester Göttingen zu sein?

Es ist ein riesiges Vergnügen. Das Festspielorchester ist ein Ensemble von Weltklasse. In diesem Orchester sind viele unterschiedliche Charaktere versammelt, die ihre Vorstellung von Musik umsetzen möchten. Damit ist es zum Teil auch eine Herausforderung.
Aber neben der gemeinsamen Arbeit sind wir auch sehr gute Freunde geworden. S0 unternehmen wir außerhalb der Auftritte viele gemeinsame Dinge.

Was erwartet das Publikum beim Konzert am 23. Mai?

Ich denke einige Überraschungen. So werden wir einige Stücke spielen, die gar nicht für die Zusammensetzung Trompete und Orgel geschrieben worden. Natürlich gibt es auch Händel und zwar das Concerto in D-Dur und das Concerto in g-Moll.




Händel-Festspiele #1: Die Website
Händel-Festspiele #2: Das Konzert in der Kritik

David Staff #1: Die offizielle Website
David Staff #2: Das Interview zum Nachhören


Montag, 15. Mai 2017

Das würde lächerlich wirken

Ein Interview über das Schreiben von Büchern und das Älter werden

Sky du Mont gehört zu Deutschlands bekanntesten und beliebtesten Schauspielern. Am Samstag hat er im Kloster Walkenried aus seinem aktuellen Buch „Steh ich jetzt unter Denkmalschutz“ gelesen. Vorab sprach ich mit ihm über das Alter und das Schreiben von Büchern.

Herr du Mont, worin besteht für Sie der Reiz einer Lesung?

Im Live-Erlebnis, im direkten Kontakt mit dem Publikum. Ich schauspieler nicht mehr, nicht im Theater und nicht im Film, aber so kann ich die Reaktionen des Publikums mitbekommen. Wenn ich mit meinen eigenen Büchern lese, ist das umso schöner. Ich schreibe ein Buch, mach mir Gedanken über Pointen und wenn das Publikum später lacht, dann stimmt es. Insofern ist dort der Reiz.

Was motiviert Sie zum Schreiben?

Ich schreibe gern und ich schreibe schon sehr lange, ich habe schon als junger Mann angefangen. Beim Schreiben ist man allein und ich bin gern allein. Beim Schreiben kann ich einen eigenen Kosmos kreieren, ich kann von Menschen erzählen und ich kann von Reaktionen erzählen. So schaffe ich meine eigene Welt und das hat mir schon immer Spaß gemacht.

Zumindest Sky du Mont war wieder da.
Foto: Kügler 
Wann kehrt Christian von Landsberg zurück?

Das sollte mal eine ganze Reihe werden und zwei Landsberg sind auch verfilmt worden. Aber ishc schreibe keine Krimis mehr weil Krimis mich langweilen. Krimis kommen ständig im Fernsehen und deswegen finde ich das nicht mehr so wahnsinnig spannend.

Sie sagten neulich, dass es zum Älter werden keine Alternative gibt. Aber wie soll man das Älter werden gestalten?

Man sollte es als einen völlig natürlichen Prozess betrachten. Wir alle wollen nicht jung sterben und doch nicht älter werden, das geht nicht.

Ich genieße jeden Tag noch mehr als früher. Ich bin froh, dass ich keine 30 mehr. Da hatte ich kein Geld, keine Arbeit. Da habe ich gekämpft und das war furchtbar. Ich genieße schon mein jetziges Alter.

Alter kann man genießen wenn man gesund ist. Was tun Sie um gesund zu bleiben?

Nicht viel, ich habe supergute Gene. Mein Vater ist mit 96 Jahren gestorben, meine Mutter ist 96 und geistig noch völlig hell. Ich ernähre mich vernünftig, mache relativ wenig Sport, aber ich nehme immer die Treppen und nicht den Fahrstuhl und ich rauche nicht und ich trinke nicht. Also, ich lebe schon gesund.

Welche Ziele haben Sie sich gesteckt?

Keine, in dem Alter hat man keine Ziele mehr. Das ist nicht depressiv, sonder man denkt sich : Genieße den jetzigen Moment. Ich habe früher immer vorausgeplant und überlegt, was mache ich in 10 Jahren. Wie kann ich vorsorgen? Habe ich genug Geld, um diese oder jenes zu verwirklichen? Das tue ich nicht mehr, weil ich weiß, dass es sowieso anders kommt als erwartet.

Wann machen Sie ihre angekündigte Sahara-Tour?

Das hat leider nicht geklappt und das sind Dinge, die funktionieren, wenn jung ist. Jetzt ist es nicht zu spät, aber man sieht die Dinge anders. Ich habe das ja in meinem letzten Buch angerissen. Wenn man älter wird, dann denkt man an die Gefahren, die man mit 18 nicht sieht.

Um dieses Buch geht es.
Foto: Verlag
Wir sind eine Gesellschaft, die den demographischen Tsunami schon hinter sich hat. Trotzdem leben wir immer noch im Jugendwahn. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Ich war mit einer viel jüngeren Frau verheiratet und ich habe sehr junge Kinder. Mir war aber immer bewusst, dass die Gefahr besteht, dass ich versuche, zu jung zu wirken. Mich zu jung anzuziehen, also mich lächerlich zu machen.

Dann habe ich auf dem Flughafen München eine richtig alte Frau gesehen. Die saß dort mit Kopfhörern auf den Ohren und wippte zur Musik. Sie hörte anscheinend Popmusik. Es blieben sehr viele Leute stehen und haben gelacht. Man hat die alte Frau ausgelacht. Das hat etwas in mir bewegt und ich habe mich gefragt: Warum soll sie nicht Rolling Stones hören? Ist Musikgeschmack jetzt etwas, was nur für junge Leute ist? Was für eine Intoleranz ist das? Ich finde alt sein oder auch jung sein ist kein Privileg sondern ein Glücksfall. Also sollte man jedem das machen lassen, was er für richtig hält.

Blöd wäre aber, wenn ich mir eine Harley kaufen würde und eine Lederjacke mit so Fransen dran. Wenn ich dann mit einem Base Cap auf dem Kopf durch die Gegen brettern würde, das wäre lächerlich. Aber alles andere, das sollte man ruhig machen dürfen.

Welches Projekt haben Sie derzeit in der Planung?

Ich schreibe gerade an meinem achten Buch. Es wird unterhaltsam. Die Mutter des Protagonisten ist einhundert Jahre alt und will das Leben ihres 70-jährigen Sohns organisieren. Sie sucht ein Altersheim für ihn, sie reserviert ein Grab für ihn und lässt schon einmal den Grabstein anfertigen. Es wird noch viele solcher Situationen geben.

Herr du Mont, vielen Dank für das Gespräch.




Das Interview in der Soundcloud



Die Lesung im Kreuzgang



Montag, 23. Januar 2017

Lachen können ist eine Frage des Selbstbewußtseins

Jörg Knör ist wieder unterwegs. Sein aktuelles Programm heißt anspielungsvoll  “Das wars mit Stars” und ist ein Rückblick auf das Jahr 2016. Ich sprach mit ihm über Verstorbene, über Vergangenes und über die Zukunft.


Herr Knör, für viele ist 2016  ein Jahr, in dem viele Prominente verstarben. Wie sieht ihr Rückblick aus?


Das war schon heftig, das stimmt, aber das ist nicht das einzige, was von 2016 hängen bleiben wird. Vielleicht liegt die Wahrnehmung aber auch daran, dass ich und mein Publikum zu einer Generation gehören, deren Stars nun mal alt geworden sind.
Natürlich komme ich in meinem Programm an diesem Thema nicht dran vorbei, aber es wird niemand an dem Abend mit einem Kloß im Hals aus der Stadthalle gehen. Es gab schließlich auch genug schöne Ereignisse im vergangenen Jahr, an die man sich erinnern sollte.


Wer ist ihr Promi des Jahres 2016?


Es geht in diesem Programm gar nicht so sehr um Prominente, die sind für mich nur der Aufhänger. Es geht vor allem um Ereignisse. Wie ich das meine? Ich blicke aus der Perspektive von Reiner Callmund auf die Fußball-EM. Der Calli erzählt dann eben, was er und seine Frau so in Paris erlebt haben. Oder Marcel Reich Ranicki steigt aus dem Himmel herab und erklärt, warum Bob Dylan den Nobelpreis nicht verdient hat. Somit war es aus Reich-Ranickis Sicht auch gut, dass Dylan den Preis nicht abgeholt hat.



Jörg Knör sieht sich in der Mitte
seiner  Generation. Foto: Rafting
Wie sieht diese Generation aus?


Ich bin so ungefähr die Mitte davon, aber es gibt auch einige wesentlich jüngere Menschen im Publikum. Humor und gute Unterhaltung ist keine Frage des Alters sondern der Lebenseinstellung. Auf Facebook und bei Youtube habe ich eine ganze Reihe von jüngeren Fans, auch diese Zielgruppe erreiche ich. Humorlose gibt es in jeder Altersklasse.

Wie sieht eine humorvolle Lebenseinstellung aus?


Man braucht vor allem Selbstbewußtsein, um lachen zu können, und Spaß am Leben. Humor kommt nicht aus der Retorte, aber er ist auch immer ein wenig Therapie und Lebenshilfe. Ich habe festgestellt, dass es vor allem regionale Unterschiede gibt. Es tut fast leid es sagen zu müssen, aber im Osten wird nicht soviel gelacht. Vielleicht liegt auch das am Selbstbewusstsein.



Aber sterben Ihnen nicht langsam die Prominenten weg?


Wo denken Sie hin? Ich habe etwa 70 Prominente im Repertoire, also muss ich mich bei der Programmerstellung eher beschränken.


Was macht eigentlich Inge Meysel?


Der geht es gut und sie wird immer noch vom Publikum gefordert, neulich in Bremen sogar ganz massiv. Aber in diesem Programm kommt sie nicht vor, da kann man fordern was man will. Es ist ja ein Jahresrückblick 2016.


Was gibt es in diesem Jahresrückblick?


Ein bisschen Sport , jede Menge Musik und die Kanzlerin tritt auch auf. Aber nur ein wenig Sport, den überlasse ich den anderen.
Angela Merkel erklärt, wie sie in einer Sektlaune zu diesem Satz “Wir schaffen das” gekommen ist und das ganze singt sie dann. Außerdem singen Udo Jürgens, Michael Jackson, Prince David Bowie und Roger Cicero den Song “Im Himmel ist der Teufel los” und Xavier Naidoo und Helge Schneider tauschen ihre Songs..

Wie lange haben Sie an diesem Programm gearbeitet?


“Das wars mit Stars” ist ja ein reines Saisonprogramm und damit kann ich nicht schon im März anfangen. Begonnen habe ich im Oktober. Damals war ich zwei Wochen lang auf Sylt und habe ganz genau überlegt, welcher Prominenter Pate stehen könnte für welches Ereignis.
Genauso wichtig war auch die Musik. In diesem Programm gibt es jede Menge Musik. Zum einstieg, gibt es ein Lied, dass sich als thema durch die ganze Schau zieht. Dazu kommen viele Einspieler und Videos. Eigentlich ist das Programm nicht mehr und nicht weniger wie eine bunte Überraschungstüte.


Was war für Sie persönlich das schönste Erlebnis im vergangenen Jahr?


Die Münze des Schicksals ist auf die richtige Seite gefallen. Nach einer Vorsorgeuntersuchung gab es den Verdacht auf eine Tumorerkrankung. Zum Glück gab es bei der nachuntersuchung Entwarnung und so lautet die Therapie nun “Bühne statt OP”.


Nächstes Jahr feiern Sie 40-jähriges Bühnenjubiläum. Haben Sie etwas besonderes in Planung?


Wirklich schon so lange? Ich weiß gar nicht so genau, wann ich das erste Mal auf der Bühne stand. Da könnte man mehrere Daten nehmen, zum Beispiel meinen Auftritt bei Rudi Carrell 1975. Danach wäre das Jubiläum schon vor zwei Jahren gewesen. Wenn man mich fragt, dann sage ich immer, ich stünde seit 37 Jahren auf der Bühne. Das hört sich nach viel Erfahrung aber noch nicht uralt an.
Aber sei es wie es ist. Ein Jubiläumsprogramm habe ich nicht in Vorbereitung. Aber ich werde mir im Herbst einen lang gehegten Wunsch erfüllen. Mit “Filou” habe ich einen Abend mit vielen französischen Liedern in Vorbereitung, das wollte ich schon seit Jahren machen. Geholfen hat mir Lutz Krajenski, der viele Arrangements für Roger Cicero geschrieben hat.
Außerdem steht in drei Jahren ein anderes Jubiläum an. Aber ob ich etwas Besonderes zu meinem 60. Geburtstag mache, dass weiß ich noch nicht.



"Ich bin noch ganz alte Schule" - Das Knör-Interview 2015
Auf Zeitreise mit einem Parodisten - Knör 2015 in Osterode








Mittwoch, 20. April 2016

Das ist so ein ganz besonderer Zauber

James Laing und Anna Dennis über altmodische Kurorte und die traditionelle Aufführungspraxis

Am 8. Mai gibt es bei den Händel-Festspielen eine doppelte Premiere. Das Festival ist zum ersten Mal in Bad Lauterberg zu Gast und zum ersten Mal gibt es ein Opern-Café. Erst fachsimpeln die Sopranistin anna Dennis und der Countertenor James Laing bei Kaffee und Kuchen mit dem Publikum. Dann stellen sie ihre liebsten Arien von Händel und Scarlatti vor. Ich traf die beiden vor Ort.

Mrs. Dennis, Mister Laing, sie haben sich gerade im Kurhaus Bad Lauterberg umgeschaut. Wie ist ihr erster Eindruck?

Anna Dennis: Dieser Raum ist fantastisch. Aber das Umfeld gefällt mir noch mehr. Als wir gerade im Park, haben wir beide uns sofort angeregt darüber unterhalten, woran uns dieser Park erinnert. Zusammen sind wir dann auf die Kurorte in Nordengland gekommen. Ich glaube, in Buxton ist ein Garten, der diesem sehr ähnlich sieht.

James Laing: Doch stimmt, der Park in Buxton ist sehr ähnlich. Das ganze Umfeld wirkt auch dort sehr wohl situiert.

Verknüpfen Sie positive Erfahrungen mit diesem Kurstädten?

Dennis: Meine Großeltern haben dort Urlaub gemacht und mich als kleines Kind gelegentlich mitgenommen. Sie liebten diese besondere Atmosphäre und den Tanztee am Nachmittag. Dort gab es einen Saal, der diesem sehr ähnlich sah. Das ist bestimmt ein gutes Vorzeichen.

Was ist die besondere besondere Atmosphäre dieses Ortes hier?

Dennis: Er ist auf eine charmante Art und Weise altmodisch und strahlt eine gewisse Eleganz aus.

Laing: Ja, das ist wirklich das Besondere an diesem Kurorten.

Vor dem Konzert am 8. Mai wird es Kaffee, Kuchen und Gespräche mit dem Publikum geben. Haben Sie schon einmal eine ähnliche Veranstaltung gehabt?

Dennis: Nein, ich glaube nicht. Ich habe noch nie gesungen, während das Publikum speist. Das ist neu und spannend für mich.

James und Anna lieben den besonderen Charme des
Kurparks.    Foto: tok
Laing: Doch, ich hatte schon einmal eine ähnliche Veranstaltung. Das war in einem sehr schrägen Kabarett. Im Programm waren damals Zauberer, Jongleure und andere Kleinkünstler. Ich habe diesen Abend beendet, als ich auf die Bühne kam und die Arie “Ombra mai fu” von Händel sang. Plötzlich waren alle Gespräche beendet und alle ganz still.
So außergewöhnlich ist die Veranstaltung aber nicht. Zu Händels Zeiten war es üblich, dass man während eines Konzerte gegessen und getrunken hat. Damit ist der Nachmittag hier im Kurhaus ganz authentisch.

Glauben sie, dass diese Veranstaltungsform der richtige Weg ist, Händel einem anderen Publikum nährer zu bringen?

Laing: Ich glaube, dass es gar keinen falschen Weg, um Händel mal einem anderen Publikum vorzustellen. Das ist Musik für alle

Dennis: Ich denke, dass es immer noch falsche Vorstellungen über Händels Musik gibt. Die meisten glauben, dass sein Werke lang und kompliziert sind und sie langen und komplizierten Stücken zuhören müssten. Das stimmt gar nicht. In unserem Programm “Liebliche Musik” am 8. Mai haben wir eine ganze Reihe von Werken, die ausgesprochen kurz sind. Es ist eine Einladung, entspannt die Verbindung zwischen Kuchen und Händel kennen zu lernen.

Das Konzert wird 60 Minuten dauern. Wie viele vom Zauber eine Händelschen Oper können sie in solch eine kurze Dauer pressen?

Laing: Das ist wohl ein Missverständnis. Wir singen an diesem Nachmittag überhaupt nichts us der Festspieloper “Imeneo” . Wir haben an diesem Nachmittag einige Lieder von Händel, aber auch von seinen Zeitgenossen wie Scarlatti auf dem Liederzettel.

Dennis: Wenn es passt, dann werden wir ein Duett aus der Oper singen, ein sehr zartes und liebliches Duett. Aber fest eingeplant ist es noch nicht. Bei der Programmgestaltung haben uns die Festspielleitung und der Kulturkreis völlige Freiheit gelassen und wir haben uns dann für diesen Weg entschieden.

Warum sollten junge Menschen im 21. Jahrhundert Händel hören oder Scarlatti?

Laing: Die Themen sind immer noch dieselben wie im 18. Jahrhundert. Wir machen immer noch die Erfahrung von Liebe und Verlust. Dazu hat Händel eine ausschweifende Musik geschrieben. Das sind sehr melodische Werke, denen man leicht folgen. Dazu sind die Texte doch sehr deutlich,  ausdrucksstark und metaphgorisch zugleich. Das ist auf keine Altersgruppe beschränkt.

Dennis: Nehmen wir mal die Geschichte der diesjährigen Festspieloper “Imeneo”. Das ist eine Dreiecksgeschichte, eine Frau, die zwischen zwei Männer steht und sich entscheiden muss zwischen Pfilcht und dem Ruf des Herzens.
Oder letzte Jahr “Agrippina”. Das ist eine Oper, über eine Frau, die  nicht so funktioniert wie man es von ihr erwartet. Das sind doch alles Geschichte, die es auch im Reality-Fernsehen gibt. Menschen, die außer der Norm agieren, die illoyal sind und ihre Mitmenschen belügen. Das sind Händels Themen und das sind die Themen der modernen Pop-Kultur.

Laurence Cummings lotste James Laing nach
Göttingen.     Foto: Festspiele
Gehen wir doch mal näher auf die Festspieloper ein. Imeneo ist ein selten aufgeführtes Werk. Wo liegen seine Reize?

Laing:  Es ist ein musikalisches starkes Werk. Für Händels markiert Imeneo einen Wendepunkt. Es ist seine vorletzte Oper, dann folgte die lange Reihe von  wundervolle Oratorien. Händel hatte erkannt, dass das Publikum nichts mehr mit langen Texten anfangen konnte. Deswegen gibt es so wenige Rezitative. Aber vielleicht wird sie so selten gespielt, weil die Geschichte von Anfang an feststeht.

Dennis. Ja, das stimmt. Meine einzige Aufgabe in der Rolle der Rosmene ist es, die Entscheiodung zwischen Imeneo und Tirinto zu treffen. Die ganze Handlung konzentriert sich auf diese drei Personen und das ist außergewöhnlich für Händel. Ich aber liebe es, in Trios zu singen. Überhaupt gibt es nur 5 Personen mit einer tragenden Rolle, das ist genauso außergewöhnlich.
Imenoe hat eine ganze Reihe von großartigen Szenen und vor allem schnellen Szenen. Das liegt daran, dass es wenig Rezitative und jede Menge Arien gibt und die Arien, die rollen manchmal heran wie eine mächtige Welle. Das ist großartig.

Die Regisseurin Sigrid T`Hooft gilt als Spezialistin für traditionelle Auzfführungspraxis. Was macht die Arbeit mir ihr so besonders?

Dennis: Es ist eine Zusammenarbeit, die sich stark unterscheidet von anderen. Bei anderen Regisseuren beginnt die Arbeit mit Improvisationen und dem Hineinfühlen in die Rolle. Sigrid hingegen zeigt uns erst ein Gerüst. Denn es ist klar, dass es in der Aufführung doch klare Grenzen gibt, die man normalerweise nicht überschreiten kann.
Sigrid sagt, dass die Hände die zweite Stimme sind und sie zeigt uns, wie wir während des Singens richtig einsetzen. Damit eröffnet sie eine neue Dimension des Ausdrucks. Uns zu zeigen, wie wir unsere Mittel richtig einsetzten, dass macht sie so charismatisch und ausdrucksstark. Dabei ermuntert sie uns wieder immer . Anfangs fand ich ihre Arbeitsweise gewöhnungsbedürftig, aber nun weiß ich, dass ich bei ihr viele Dinge gelernt habe, die ich bei zeitgenössischen oder experimentellen Produktionen einsetzten kann. Ich habe unter anderem gelernt, wie viel Kraft auch in den kleinen Dingen stecken kann.

Mrs Laing, Sie sind schon auf dem Händel-Festival in London aufgetreten. Was zieht Sie nun nach Göttingen und was erwarten Sie von Göttingen?

Laing: Die guten Berichte ziehen mich nach Göttingen. Meine Freunde und Kollegen haben hier schon gesungen und ich hatte den Wunsch, nach Göttingen zu kommen, auch schon seit Jahren. Aber es hat nie gepasst. Nun habe ich vor zwei Jahren mit Laurence Cummings, Göttingens musikalischen Leiter, zusammengearbeitet. Er sagte damals ‘Göttingen 2016, Imeneo, du bist dabei’ und ich habe nur geantwortet ‘Yes, yes, yes’.
Dann habe ich mit Laurence noch einmal die Rolle genau angeschaut, denn Tirinto singt schon sehr, sehr hoch. Nun bin ich bestens vorbereitet und ich freue mich auf die Festspiele. Erwartungen habe ich keine konkreten. Für mich ist es einfach großartig, hier singen zu dürfen.

Mrs. Dennis, was zieht Sie immer wieder nach Göttingen?

Dennis: Es ist ein magischer Platz. Ich bin jetzt das vierte Mal bei dem Händel-Festspielen und mittlerweile ist fühle schon richtig wie zu Hause. Die Festivalleitung und alle Menschen drumherum, die sind so unglaublich hilfsbereit.
Auch die Stadt und das Umland ist schön. Ich verbringe viel Zeit mit Waldspaziergängen und lausche dabei den Vögeln. Normalweise arbeiten wir in sehr großen Städten auf der ganzen Welt, das ist ohne Frage auch aufregend. Aber nur in  Göttingen kann ich nach den Proben einfach rausgehen in die Natur. Je länger ich hier bin, desto entspannter bin ich.

Ich danken für das Gespräch.  



Die Händel-Festspiele Göttingen
Das Opern-Café
Imeneo, die Oper

Ein Hörbeispiel

Sonntag, 15. November 2015

"Wir erleben eine Götterdämmerung"

Thomas Kistner zu Doping im Fußball und Korruption in der FIFA und im DFB

Sein Buch "FIFA Mafia" gab vor drei Jahren einen tiefen Einblick in die Machenschaften des Weltfußballs. Zurecht stand es wochenlang auf Platz Eins der Bestseller-Listen. Mit "Schuss - Die geheime Doping-Geschichte des Fußballs" kümmert sich Kistner nun um ein verdrängstes Thema im Sport.

Ich sprach mit ihm über unerlaubte Leistungssteigerung, über den Missbrauch von Schmerzmitteln und den Aufruhr in FIFA und DFB. Angesichts der Themen verwundert es nicht, dass das Gespräch deutlich länger dauerte als ursprünglich veranschlagt.

Herr Kistner ihr neues Buch ist 400 Seiten und detailliert. Wie lange haben Sie für die Recherche gebraucht?

Das lässt nicht so beantworten. Doping war schon länger ein Thema und ich hatte einzelne Nachrichten und Geschichten beiseite gelegt. Nach dem Abschluss von “FIFA Mafia” habe ich diese Dinge dann dann peau á peau aufgearbeitet und vervollständigt.

Wie sieht Ihre Zielsetzung aus?

Wie in andern Sportarten auch sind wir im Fußball in einer Zwittersituation. Die Anforderungen und der Kommerz werden immer größer, aber auf der anderen Seite soll der Sport sauber sein. In meinem Buch habe ich die Gemengelage verdichtet, indem ich eine ganze Reihe von Einzelfällen betrachte und sie in den Zusammenhang stelle. Doch die letzte Schlussfolgerung muss der Leser selbst ziehen.

Thomas Kistner kennt sich bestens aus in den
dunklen Ecken des Fußballs. Fotos: Verlag
Anders als in anderen Sportarten fehlt im Fußball aber der große Dopingfall.

Schuld ist Fuentes. Nachdem er und sein Netzwerk aufgeflogen sind, wurde die Diskussion über Doping im Fußball abgebrochen. Es sieht so aus, als ob Doping im Fußball per Beschluss abgeschafft. Das liegt aber auch daran, dass der Fußball sich selbst kontrolliert. Dopingtest sind absurd, wenn in fast 100 Prozent der Fälle der Zeitpunkt bekannt ist. Dann wird das Dopingmittel eben geringer dosiert oder die Einnahme verschoben.

Es gibt es eben anders als in anderen Sportarten nur sehr wenige Funde. Die Fälle, die in Deutschland bekannt sind, das sind meist Spieler aus den unteren Klassen oder aus dem Nachwuchsbereich. Doch es hat auch schon Dopingfälle bei 14- und 15-Jährige gegeben. Erwischt werden die, die kein ausgeklügeltes System haben, die Doping mit Hilfe eines befreundeten Apothekers betreiben. Aber es hat auch schon Nationalmannschaften oder große Teams wie Juventus Turin erwischt. Bei einem Klub, der das königlich im Namen führt, haben auch nur die Verbindungen ins Königshaus dafür gesorgt, dass die Justiz dem Dopingverdacht nicht weiter nachgegangen ist.
 
Warum ist Doping dann kein öffentliches Thema?

Eigentlich ist es banal, darüber zu sprechen. Die körperlichen Anforderungen werden immer höher, die Rasanz im Spiel ist enorm gestiegen. Der Fußballer ist mehr denn je ein kompletter Athlet und auch die FIFA hat erklärt, dass Talent allein nicht mehr ausreicht. Wenn sie mal auf die körperliche Entwicklung von Neymar oder Christiano Ronaldo schauen, dann werden sie einen deutlichen Zuwachs an Muskelmasse feststellen. Diese Zuwachs hält die beiden nicht von Spitzenleistungen ab. Das pulverisiert doch die Behauptung, dass Kraft allein nicht hilft.
Ich halte es für einen unsäglichen Unfug, wenn von Seiten der Offiziellen immer noch behauptet wird, dass Fußball zu komplex sei, um effektiv zu dopen. Wer zu EPO greift, der mindert damit ja nicht seine technischen Fähigkeiten. Ganz im Gegenteil, EPO sorgt für das Mehr an Ausdauer und dann kommt der Pass auch noch nach der 70. Minute sauber an.

Auf der anderen Seite haben wir immer mehr physiologische Wunder, wenn Spieler sich innerhalb kürzester Zeit von Verletzungen erholen und wieder spielbereit sind. Mit den Schmerzmitteln stoßen wir in einen Graubereich vor, der nicht vom Doping getrennt werden kann.

Leistungsdoping oder Schmerzmitteldoping. Welche Form  hat die größeren Folgen?

Ich würde das nicht trennen. Betrug bleibt Betrug. Ob ich meine körperlichen Grenzen nun mit Anabolika oder mit Schmerzmitteln verschiebe, beides ist Doping und beides zwingt auch die Konkurrenten in den Betrug.

In ihrem Buch beschreiben Sie ausführlich, wie die damalige französische Sportministerin Maire-George Buffet an der Durchsetzung effektiver Kontrollen gehindert wurde. Könnte dies in Deutschland auch passieren?

Gerade in Deutschland. Wir sollten uns von der Idylle verabschieden, dass im deutschen Sport alles mit rechten Dingen passiert. Der Druck auf die Politik ist enorm. Immerhin kann Deutschland mit Horst Dassler den Erfinder der Sportkorruption aufbieten. Nirgends wurde Doping so infam und intelligent betrieben, wie in der ehemaligen DDR. Wie der Dopingbericht 2013 bestätigte, war auch in Westdeutschland Doping durchgetaktet. In dieser Angelegenheit waren wir Deutschen immer mittendrin statt nur dabei.

Es ist bis heute nicht abschließend geklärt, was bei der Weltmeister 1954 im Keller von Spiez gespritzt wurde. Die offizielle Seite mit Mannschaftarzt Franz Loogen spricht von Vitamin C und von Traubenzucker und von Placebo-Effekten. Aber wenn es wirklich um solch harmlose Sachen ging, warum hat man sich dann der Gefahr von Infektionen durch nicht richtig abgekochte Spritzen ausgesetzt? Klar ist, dass die mangelhafte Sterilisation zu Ansteckungen mit Hepatitis geführt hat.

Loogen gibt zu, dass das Thema Doping von Rahn nach seiner Rückkehr aus Südamerika in die Mannschaft getragen wurde. Dazu gibt es auch Schriftverkehr mit dem damaligen DFB-Präsidenten Bauwens. Da fast alle Beteiligten verstorben sind, wird man die Frage wohl nicht mehr endgültig klären können. Mein Fazit lautet: Es kann sein, es muss aber nicht.


Nach oben gedopt?


Bei der Lektüre ihre Buches bekommt man den Eindruck, dass der französische Fußball und der italienische Fußball sich nach oben gedopt haben. Oder täuscht der Eindruck?

Für den französischen Fußball der 90er Jahre kann man dies sicherlich sagen. In Italien gab es systematisches Doping im Fußball schon in den 60er Jahren. Nicht ohne Grund haben diese beiden Ländern heute die härtesten Anti-Dopinggesetze der Welt. Dass wir in Deutschland erst jetzt über ein solches Gesetz sprechen, dass hat etwas mit der Bedeutung dieses Sport für die Nation zu tun. Solch eine Überhöhung finden man nur noch in Spanien.

Worin liegt die Bedeutung des Fußballs?

Der Sport hat eine Menge für die Identitätsbildung getan. Das war ohne Frage 1954 so. Nach dem verlorenen Krieg war man wieder wer. Aber auch das Sommermärchen 2006 war wichtig für die Neuerfindung von Deutschland. Wie ist das Image der Deutschen in der Welt? Korrekt, zuverlässig und pünktlich. Mit den Deutschen kann man Geschäfte machen. Aber ist das sexy? Also brauchten wir Deutschen die Fußball-WM um uns weltoffen und tolerant und lebensfroh zu zeigen. Außerdem hat Fußball eine integrative Aufgabe. Die Nationalmannschaft ist natürlich eine Integrationsmannschaft.

Entwickelt das neue Buch von
Kistner dieselbe Sprengkraft wie
sein Vorgänger? Foto: Verlag 
Das Stichwort Sommermärchen ist gefallen. Warum gibt es jetzt dies Ungereimtheiten auf den Tisch? Hat Sepp Blatter dies Alles an die Presse durchgestochen?

Diese These hatte ich anfangs auch erwogen. Aber nach eingehender Prüfung muss ich sagen, dass dies Unfug ist. Sicherlich ist der Giftschrank von Blatter prall gefüllt und er könnte alle Funktionäre der letzten 30 Jahre versenken. Aber er würde nie sich selbst versenken. Auch bei der Millionenzahlung an Platini dachten viele an eine späte Rache an den UEFA-Chef. Doch nun ist Blatter selbst der Hauptbeschuldigte und Platini wird von den Ermittlungsbehörden nur als zu befragenden Person geführt.

Die Enthüllungen über das Sommermärchen sind nicht Blatters Stil. Er ist ein Meister der Intrige und hat es in der Vergangenheit mehrfach geschafft, Personen aus seiner nächsten Umgebung ins Messer laufen zu lassen ohne dabei selbst beschädigt zu werden. Dennoch wird Sepp Blatter irgendwann auspacken, da bin ich mir ganz sicher. Die Frage ist nur, wann?

Wofür waren die 6,7 Millionen bestimmt? Wurden damit Stimmen gekauft?

Das denke ich nicht. Ich denke, dass das Geld eher in die Wahlkampfkasse von Sepp Blatter geflossen ist. Dem waren damals die Hände gebunden, da es interne Ermittlungen gegen ihn gab und er keinen Zugriff auf die Ressource der FIFA hatte. Man muss sich das wie im Wahlkampf um die Präsidentschaft in den USA vorstellen. Dort zahlen viele Menschen eine große Kasse ein. Ich gehe in diesem Fall von 30 bis 40 Millionen Euro aus. Wer dann solch einen Betrag einbringt, der ist ein wichtiger Mann im Gesamtkonzert.

Sylvia Schenk von Transparency International sprach von einer Götterdämmerung im Fußball. Sehen Sie das ähnlich? 

Das, was wir derzeit beobachten, das ist nach bisherigen Maßstäben keine reale Entwicklung. Ja, wir erleben derzeit eine Götterdämmerung, aber wir sind erst am Anfang der Entwicklung. Hier wird eine ganze Genaertion von Funktionären beerdigt und sie wird zu Recht beerdigt. Wir erleben derzeit nicht nur eine Götterdämmerung, sondern zugleich auch eine Zeitenwende im internationalen Fußball.

Ich glaube nicht, dass irgendeiner der aktiven führenden Funktionäre unbeschädigt aus dieser Angelegenheit herauskommt.Immerhin laufen die Ermittlungen seit 2010. Es gab bisher nur zwei Möglichkeiten des Verhaltens. Entweder man hat die Schweinereien mitbekommen und war still. Dann hat man sich moralisch schuldig gemacht. Oder man hat mitgemacht und sich das Geld gleich büschelweise aus den vielen Geldtöpfen genommen. Da niemand in solch einen System der einzige Depp sein will, haben die meisten sich wohl bedient.

Was hat ihr Buch “FIFA Mafia” dazu beigetragen?

Das kann ich nicht abschätzen. Ich weiß aber, dass eine Reihe von Ermittlern das Buch als hilfreiche Lektüre betrachten, von daher war ist ein Steinchen im großen Mosaik. Es hat zumindest ein öffentliches Bewußtsein geschaffen und klare Strukturen bei der Aufklärung vorgezeichnet.

Was muss sich in den Fußballverbänden nun ändern?

Wir brauchen erst einmal einen anderen rechtlichen Status. Zudem muss die FIFA kernsaniert werden. Das betrifft vor allem das Wahlsystem. Das Prinzip “one coountry - one vote” ist undemokratisch und öffnet der Korruption. Wenn ein Fußballverband aus der Karibik mit 250.000 Mitgliedern das gleiche Gewicht hat wie der DFB mit 7 Millionen Mitgliedern, dann wird sich dieser kleine Verband sein Stimmrecht natürlich teuer bezahlen lassen. Da wundert es auch nicht, dass die FIFA 15 Mitglieder mehr als die UNO. Ich könnte mir ja auch mal eine kleine Insel kaufen, sie Kistner Island nennen und morgen die Mitgliedschaft in der FIFA beantragen.

Für das IOC gilt das gleiche und dort ist man auch noch stolz darauf. Doch solch eine Änderung müsste mit einer Zweidrittel-Mehrheit vom FIFA-Konvent beschlossen werden.

Sie haben die FIFA mit der Augsburger Puppenkiste verglichen. Wer wird der nächste Oberkasper?

Wir haben es mit einem Dschungel der Fragwürdigkeiten zu tun. Bezeichnend finde ich, dass David Nakhid ohne Begründung von der Liste gestrichen wurde. Jerome Champagne ist ein alter Blatter-Intimus, der bisher wenig für die Transparenz in der FIFA getan hat. Die 79 Stimmen, die Prinz Ali bin al-Hussein im Frühjahr bekommen, waren aus meiner Sicht reiner Protest gegen Blatter. Ich glaube nicht, dass dies bei der nächsten Wahl ausreichen wird. Ich bin mir sicher, dass Scheich Salman bin Ibrahim Al Chalifa nicht den Integritätscheck der FIFA überstehen wird. Er ist Mitglied der königlichen Familie und war aktiv an der Unterdrückung der Demokratiebewegung in seinem Land beteiligt.

Die Kandidatur von Gianni Infantino ist vor allem eine taktische Geschichte und eine Notgeburt. Er ist klar der Ersatzmann für Platini und er wird die Wahl zum Erdteilkampf machen. Tokyo Sexwhale wurde vom Etablissement in diese Wahl hineingeschoben. Wir dürfen nicht vergessen, dass er von Beckenbauer und Blatter vorgeschlagen wurde. Ansonsten ist er eine Person, die den Umgang mit Schmiermitteln beherrscht. die US-Justiz beleuchtet gerade seinen kometenhaften Aufstieg im südafrikanischen Bergbau in den 90er Jahren. Sexwhale ist der Chef der weltweiten Nummer drei im Handel mit Diamanten und anderen Edelsteinen und das ist bekanntermaßen eine Branche, die mir fragwürdigen Mitteln arbeitet.


Was erlaube Zwanziger?


Wie bewerten Sie das Verhalten von Theo Zwanziger in Sachen Sommermärchen-Gate?

Da ich zeitweise der von Zwanziger am meisten gehasste Sportjournalist war, stehe ich bestimmt nicht im Verdacht, Milde walten zu lassen. Ich möchte das Verhalten in Bereiche aufteilen. Es steht für mich außer Frage, dass Theo Zwanziger noch eine Rechnung offen hat mit Wolfgang Niersbach. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Zwanziger nur Lügen präsentiert, aber das werden wohl die Gerichte klären.
Wir Journalisten brauchen einen anderen Blick. Wir müssen die Vorwürfe beachten und unabhängig von der Person überprüfen, ähnlich wie der Staatsanwalt die Aussagen eines Kronzeugen einbeziehen muss. von daher möchte ich mich einer Bewertung der Motivation von Theo Zwanziger enthalten.

Gefährden die Fragwürdigkeiten um die WM 2006 die deutsche Bewerbung für die EM 2024?

Ich denke, dass der Wind aus einer anderen Richtung kommen muss. Um die EM ´24 zu retten, muss der Druck von innen kommen. So lange sich die Spielregel der internationalen Sportpolitik nicht ändern, stecken wir in einer Zwickmühle. Entweder verhalten wir uns sauber und bekommen die Spiele oder wir bekommen die Spiele.

Angesicht all dieser Entwicklungen, wie können Sie da noch Fußball-Fan bleiben?

Ich habe keine Problem damit. Fußball ist eine faszinierender Sport, sonst wäre nicht da, wo er ist. Ich persönlich kann trennen zwischen der Welt der Profis und der Amateure. Ich spiele selbst noch im Alt-Herren-Bereich und ich trainiere auch noch einen Jugendmannschaft. Sie sehen, ich verbringe immer noch viel Zeit mit Fußball.

Herr Kistner, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Thomas Kistner bei wikipedia
Das erste Interview mit dem Fragensteller

Das Buch 



Sonntag, 4. Oktober 2015

Nicht der Logik beugen

Ein Gespräch über den Propheten und Menschen Mohammed

Bei solch einem Angebot kann man nicht Nein sagen, aus unterschiedlichen Gründen.  Als ich also die Chance bekam, mit Hamed Abdal-Samad zu sprechen, ergriff ich die Gelegenheit gleich beim Schopfe, sagte Ja und kramte alles hervor, was ich aus dem Studium noch über die Entstehung des Islams wusste.

Bei unserem Telefonat zeigte sich Hamed Abdel-Samad ganz als zurückhaltender und leiser Gesprächspartner, der sich auch die Mühe machte, mir Laien Zusammenhänge  zu vermitteln. Dabei hatte es mir sein Schlusswort besonders angetan.

Herr Abdal-Samad, warum dieses Buch jetzt?

Von jetzt kann nicht die Rede sein. Ich habe lange Jahre an diesem Werk gearbeitet. Die Idee kam mir bereits 2005. Damals arbeitete ich an der Universität Erfurt und habe mir zum ersten Mal unter wissenschaftlichen Apsketen die Frage gestellt „Woher kommt der Islam?“. Der Auslöser war meine Beschäftigung mit der Ostkirche, mit der jüdischen und mit der persischen Tradition, die sich im frühen Islam wiederfinden. Die Recherchen waren vielfältig und langwierig, weil ich mich nur auf die Primärliteratur verlassen wollte. Deswegen habe ich so lange für dieses Buch gebraucht.

Ich wollte ein menschliches Buch schreiben schreiben, ein Buch das Mohammed al Menschen zeigt. Denn der Prophet hat viele Dinge getan, die ich als verwerflich bezeichnen möchte. Für mich ist ein zentrales Problem, dass sich viele Muslime nicht von der Unantastbarkeit des Propheten lösen können.
2010 habe ich im Rahmen der Recherchen Kurt Westergaard getroffen, den Zeichner, der den Streit um die Mohammed-Karikaturen ausgelöst hatte. Dadurch habe ich viel gelernt über die menschliche Sicht auf auf Übermenschen.


Ihr Buch trägt den Untertitel „Ein Abrechnung“. Warum?

Hamed Abdel-Samad möchte einen
toleranten Islam.  Fotos: Verlag 
Es geht mir schon um die Frage, warum viele Muslime sich nicht von der Unantastbarkeit des Propheten lösen können. Es geht mir aber auch darum, mit den Mitteln der Vernunft und der Überzeugung die Sonderstellung des Menschen Mohammed zu belegen.

Ein wichtiges Erlebnis während meiner Recherchen war 2010 die Begegnung mit Kurt Westergaard, dem dänischen Karikaturisten, der den Streit um die Mohammed-Zeichnungen auslöste. In den Gesprächen mit Westergaard habe eine andere Perspektive auf das menschliche Tun erfahren. Die Fage, ob es schlimmer ist, Menschen zu töten oder einen bestimmten Menschen zu zeichnen, die stellt sich mir eigentlich nicht mehr.


Sie sagen, ihr Buch hat den Menschen Mohammed als Thema. Was für ein Mensch war der Prophet denn?

Im Grunde genommen geht es um 3 Mohammeds oder viel mehr die um drei Aspekte einer Person. Da ist die historische Figur des Händlers und Kriegsherren. Er lebte in einer realen Welt und ist sicher keine Erfindung. Es wäre unmöglich gewesen, so viele gleich lautende Erzählungen an so unterschiedlichen Orten zu implementieren. Dieser Mohammed ist ein Teil des Kollektivgedächtnis. Das muss man anerkennen, auch wenn er später durch die Umayyaden und die Abbassiden instrumentalisiert wurde.

Dann geht es um den Propheten Mohammed, den Stifter einer Religion, den letzten Boten Gottes.

Aber es geht vor allem um den verschwiegenen Mohammed, den Ausgestoßenen und psychisch Kranken, der für so viele Widersprüche im Islam verantwortlich ist. Diese drei Figuren führe ich in meinem Buch zusammen und mein Anspruch, ist es, ein Psychogramm des Menschen Mohammed zu liefern.


Wie trennen Sie Mythos und Mensch voneinander?

Ich stütze mich auf die Primärliteratur, auf Berichte aus dem 6. und 7. Jahrhundert. So kann ich den historischen Kern herausarbeiten und das Verhältnisse von Legende und Realität deutlich machen. Dabei geht es mir auch um den Wahrheitsgehalt der arabischen Mastererzählung.


Worin besteht diese arabische Mastererzählung?

Mohammed einte die Araber, er war der Begründer einer Hochkultur und der Grundpfeiler einer toleranten Gesellschaft und blühenden Wissenschaft.

Die arabische Hochkultur gab es aber schon vor Mohammed, ebenso die Wissenschaft als Erbe der Antike. Die Profite kamen hingegen viel später, ebenso die islamische Kultur, als die arabischen Eroberer die vielfältigen Traditionen der eroberten Länder aufgriffen.


Wollen Sie einen Islam ohne Mohammed?

Seit 1. Oktober im Handel.
Nein, das geht gar nicht. Aber ich möchte zeigen, das Mohammed nicht als Vorbild taugt, nicht als Vorbild für einen Islam des 21. Jahrhunderts. Es geht darum, die historische Person zu relativieren und sie nach den Maßstäben ihrer Zeit zu bewerten. Dies muss man tun können, ohne um sein Leben zu fürchten.

Vielmehr möchte ich den Islam den Menschen näher bringen und wegkommen von der schwierigen Sprache der Theologen. Jeder normale Mensch soll sich seine normale Meinung über den Islam bilden können. Es geht mir um eine grundlegende Reform des islamischen Hauses, da reicht es nicht, die Fassade in einer neuen Farbe anzustreichen.


Warum ist Mohammed nicht als Vorbild geeignet?

Ich denke, dass wir in dieser globalisierten Welt eine offenen Islam brauchen, einen toleranten Islam. Aber dies geht nicht mit einer Überhöhung des Propheten. Schauen Sie sich die Bespiele in meinem Buch an. Es gab keine Toleranz in Medina und es gab keine Toleranz in Mekka. Ganz im Gegenteil, Mohammed hat die Saat der Intoleranz gesät. Dies wirkt noch heute nach. Schauen Sie nach Saudi-Arabien und schauen Sie auf den IS. Der spielt historische Vorbilder 1:1 nach. So hat auch Mohammed versucht, die kulturelle Zeugnisse der vorislamischen Gesellschaften auszulöschen. Hier müssen wir das Kind beim Namen nennen


Damit gehen Sie aber wieder ein hohes persönliches Risiko ein.


Dessen bin ich mir bewusst. Aber ich will mich nicht der Logik des Terrors beugen und schweigen. Eigentlich bräuchten wir ganz viele Zeichner, die ihr Bild des Propheten malen. Dann wäre nicht nur das Risiko verteilt und dann bräuchte ich auch nicht mehr solche Bücher schreiben.


Darum geht es: Das Buch
Der Hamed Abdel-Samad bei wikipedia

Das sagt der Harzer Kritiker  dazu.